Out of nowhere
„He comes out of nowhere!“, rief der völlig konsternierte Joe Romanelli, Rennkommentator auf Yonkers Raceway (New York), als Inexpressable auf dem kurzen Einlauf die Konkurrenz im Tiefflug überspurtete und sich kurz vor der Linie den Yonkers Trot (250.000 US-$) einverleibte, die erste Prüfung der US Triple Crown.
Mit dem Gewinn eines der reputationsreichsten amerikanischen Jahrgangsrennen krönte Karin Walter-Mommert - zumindest vorläufig - ihre Besitzerlaufbahn, die längst international ausgerichtet ist und sich bis nach Nordamerika erstreckt.
Die Berlinerin gelangte bei der Lexington Selected Auktion 2024 in den Mitbesitz von Inexpressable, der ihr und Mitzüchter und Trainer Lucas Wallin für 325.000 Dollar zugeschlagen wurde. Der Walner-Hengst war das erste Fohlen der Stute Ineffable (v. Cantab Hall), die wiederum eine Halbschwester von Venerable ist, der Siegerin der Mohawk Million 2021, und derselben direkten Blutlinie wie Maryland entstammt.
Da nur zehn Pferde für den Yonkers Trot gemeldet wurden, verzichtete man auf die Vorläufe und trug die 71. Auflage in nur einem Rennen aus. Um allen zehn Pferden, auch denen in zweiter Reihe (darunter der Favorit Spencer Hanover) auf der 800-Meter-Bahn eine reelle Chance zu geben, verlängerte man die Distanz um eine Viertelmeile auf 2011 Meter.
Das war möglicherweise der Schlüssel zum Erfolg, denn so konnte Tim Tetrick den großrahmigen Inexpressable ruhig eintreten lassen. „Das Letzte, was ich wollte, war ein früher Fehler. Er ist ein großer, kräftiger Hengst und scheint über ein enormes Lungenvolumen zu verfügen.“
Der am Wettmarkt bei 83:10 notierte Hengst, der am Freitagabend erst seinen dritten Saisonstart absolvierte, landete zunächst in siebter Position, von wo aus sich „The Bionic Man“ das Geschehen lange seelenruhig ansah.
Die Führung übernahm zunächst Requiem mit Ronnie Wrenn jr., musste diese jedoch rasch an AI mit Yannick Gingras abgeben. Silverstein, der zweite Favorit am Toto, rückte schnell vor und übernahm die Spitze, noch bevor die erste Viertelmeile in 29,1 Sekunden (1:12,8) absolviert war.
Der Rennverlauf änderte sich in der zweiten Kurve, als Spencer Hanover galoppierte. Da in der Außenspur wenig Bewegung herrschte, nahm Matt Kakaley das Tempo etwas heraus; Silverstein passierte die Halbmeilen- und Dreiviertelmeilen-Marken in 58,1 (1:12,6) bzw. 1:27,2 (1:12,7). Als noch etwa eine halbe Meile zu absolvieren war, steuerte Dexter Dunn sein Kingmen nach außen und zwang Requiem dazu, ebenfalls nach außen zu gehen, um so Deckung zu erhalten.
Tetrick rückte mit Inexpressable in dritter Spur nach, während das Tempo anzog. Das Feld erreichte die Meilenmarke bei 1:56,0 (1:12,1); Silverstein hatte das Rennen weiterhin fest im Griff und wirkte stark – auch zu Beginn der Zielgeraden führte er noch. Allerdings ließ er in dieser Phase merklich nach, was den Pferden mit starkem Schlussspurt eine Chance bot.
AI versuchte es an der Innenkante, kam aber nicht voran. Kingmen hingegen setzte außen zum Endspurt an und hatte noch genügend Kraft, um am Führenden vorbeizuziehen, konnte jedoch Inexpressable nicht aufhalten; dieser stürmte vorbei und siegte mit einer Halslänge Vorsprung. Kingmen belegte den zweiten Platz, Silverstein wurde Dritter, gefolgt von AI und dem Fünftplatzierten Nordic Dancer S. Die Zeit für die gesamte Distanz von eineinviertel Meilen betrug 2:25,3 (1:12,3).
Video: https://www.youtube.com/watch?v=vyejBlvMJQw
Der gemeinsam von Windsong's Legacy (2004) und Joviality (2022) gehaltene Rennrekord von 1:10,4 geriet auf der verlängerten Distanz freilich nicht in Gefahr.
Eine Premiere war der Erfolg übrigens für Tim Tetrick (44), dem der Yonkers Trot in seiner unvergleichlichen Vita mit mehr als 12.000 Siegen, darunter fast alle US-Klassiker, noch fehlte.
Trainer Lucas Wallin deutete im Siegerinterview an, dass Inexpressable nun auf das Stanley Dancer-Memorial am 11. Juli auf The Meadowlands vorbereitet werden soll.
Natürlich besitzt der KWM-Schützling auch eine Nennung für das 101. Hambletonian (1 Mio. US-$), das am 8. August zur Austragung gelangt. Ob es Inexpressable nach dem Triumph auf Yonkers auch in die Top Ten von Ken Warkentin („Road to Hambletonian“) schafft, die derzeit Apex anführt, wird man kommende Woche erleben.