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In Gedenken an einen Hamburger Jung

In Gedenken an einen Hamburger Jung
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Ohne Flagge

Ein Nachruf von Martin Fink

In der Nacht zum Sonntag verstarb nach kurzer schwerer Krankheit André Müller im Alter von nur 65 Jahren. Sein Tod löste nicht nur unter den norddeutschen Traberfreunden große Bestürzung aus, denn er war weit über die Hamburger Grenzen hinaus bekannt und beliebt.

In einem Elternhaus aufgewachsen, in dem der Besitz von Trabern seit jeher Tradition war, kam André schon früh mit den schnellen Pferden in Verbindung. Als 20-Jähriger war er bereits im Besitz einer Amateurfahrer-Lizenz und 1980 bei den ersten sechs Fahrten mit zwei Siegen und zwei Platzierungen gleich sehr erfolgreich.

Trotzdem gab es andere Prioritäten in seinem Leben, denn die nächsten Sulky-Auftritte weist die HVT-Statistik erst 1986 aus. Ohnehin blieben Amateurrennen insgesamt überschaubar, bis zur letzten Fahrt 1997 summierten sich lediglich 112 mit vier Siegen und 22 Platzierungen.

Wesentlich umfangreicher waren die Besitzer-Aktivitäten. Auf den elterlichen Stall Heidmühlen folgte der 2010 gegründete Stall Hamburger Jung, ein echter Familienbetrieb. Gattin Andrea wurde Besitzertrainerin, Tochter Aylin steuerte als Lehrling viele Pferde. Besonders erfolgreich tat sie das mit dem wegen Atmungsproblemen überall aufgegebenen Dust all Over aus der Müllerschen Zucht. André hatte nie den Glauben an den Wallach verloren und den Mut gehabt, in kostspielige tierärztliche Behandlungen zu investieren.

Mit Erfolg, denn Aylin konnte im Dezember 2015 bei drei Starts ebenso oft in den Bahrenfelder Winncercirle einfahren. Welch ein Familienglück! Zweimal wurden in jener Zeit vom Stall Hamburger Jung 100 oder mehr Saisonstarts erreicht, 39 Siege in 15 Jahren waren die Bilanz. Neun Mal in Folge erzielte das Quartier fünfstellige Jahresgewinne, bevor man 2020 begann kürzer zu treten, weil gerade im Norden die Rahmenbedingungen für Besitzer mit eher durchschnittlich begabten Pferden zunehmend schwieriger geworden waren.

Nicht mit allem, was „politisch“ dort passierte, war André Müller einverstanden und reagierte mit der ihm eigenen Konsequenz, so dass die vierbeinigen Hamburger Jungs fortan fast nur noch im Traberwesten oder in Dänemark liefen.

Trotzdem verging weiterhin kein Renntag, an dem er in Bahrenfeld nicht vor Ort war. Privat sowieso, aber auch einige Jahre als Co-Moderator im Winnercircle und zuletzt verantwortlich für die Aufzeichnung der Heats, die bei den Vorbesprechungen eingeblendet werden. Beides ließ ausreichend Zeit für Geselligkeit, denn André Müllers bevorzugte Plätze waren nicht im noblen Tribünen-Restaurant, sondern draußen, am Bratwurststand, Tresen oder Wettschalter.

Als großen Freund der C-Bahnen traf man den Verstorbenen regelmäßig in Stove, Cuxhaven, Rastede, Hooksiel oder Drensteinfurt, und beim Mariendorfer Derby-Meeting ebenso. Eins hatten alle Begegnungen gemein: Niemand kann sich erinnern, jemals einen schlecht gelaunten André Müller erlebt zu haben. Außer vielleicht, wenn der geliebte HSV wieder einmal die Erwartungen enttäuscht hatte.

Überall in der Traberszene gab es Freunde, und auch Bekannte, die man nicht so oft getroffen hatte, wurden immer mit einem großen „Hallo“ begrüßt. Zum letzten Mal habe ich André Müller ausgerechnet an meinem Geburtstag bei der Alster-Rundfahrt am Tag vor dem Großen Preis von Deutschland getroffen. Die Stimmung war richtig gut, dass es leicht fällt, ihn so in Erinnerung zu behalten, wie er war: Ein feiner Mensch, ein Hamburger Jung.

Mach’s gut, mein Freund.

Dein Martin Fink